Im Rahmen des von der Schweizerischen Mobiliar geförderten Forschungsclusters «Zukunft der Schweiz» hat eine interdisziplinäre Forschungsgruppe untersucht, welche Bedeutung Nachbarschafts-Apps für die Herausbildung einer gemeinschaftlichen Identität in Neubauquartieren haben. Dazu wurden verschiedene Beobachtungs- und Befragungsstudien in der deutsch- und der französischsprachigen Schweiz (Region Zürich, Marly FR, Lausanne und Vernier GE) durchgeführt.
Gesellschaftlicher Zusammenhalt muss in Gesellschaften, die durch ausgeprägte Individualisierung und Mobilität gekennzeichnet sind, immer wieder neu hergestellt und gesichert werden. Vereine und mitgliedschaftliche Organisationen sind ebenso Orte der analogen Begegnung wie Nachbarschaften in Wohnquartieren oder -genossenschaften. Soziale Medien und andere Digitale Plattformen werden zunehmend als flankierende Mittel zur Förderung des von Partizipation und Solidarisierung propagiert. Wie weit dies gelingt, ist eine Forschungsfrage, die bereits untersucht, aber noch nicht abschliessend beantwortet werden konnte.
An einer Online-Befragung im Sommer 2025 nahmen 320 Personen aus verschiedenen Nachbarschaften, verteilt über die ganze Schweiz, teil. Knapp die Hälfte von ihnen waren Bewohner von Quartieren, in denen digitale Plattformen zur lokalen Vernetzung verfügbar waren und von den Befragten auch genutzt wurden. Die Analyse zeigte, dass die Bindung einer Person an ihre Nachbarschaft, sowohl von ihrer sozialen als auch digitalen Aktivität abhängt: Soziale Aktivitäten umfassen dabei die Organisation von und Mitwirkung bei gemeinschaftlichen Anlässen, nachbarschaftliche Hilfe, gemeinsame Unternehmungen und direkter Informationsaustausch. Digitale Aktivitäten beschreiben das entsprechende Engagement auf der digitalen Plattform. Soziale und digitale Aktivität sind zudem positiv miteinander korreliert. Sie schliessen sich also nicht etwa gegenseitig aus, sondern scheinen sich eher gegenseitig zu verstärken. Ein begleitender Einflussfaktor für das Commitment ist das Vertrauen einer Person in ihre Nachbarn. Digitale Aktivitäten werden häufiger von jüngeren und kürzlich zugezogenen Bewohnern praktiziert, seltener von Älteren, langjährigen Anwohner/innen und von Personen mit Haustieren.
Diese und weitere Studienergebnisse zeigen sowohl die Potenziale und Grenzen Digitaler Vernetzung im nachbarschaftlichen Kontext auf und bieten Anhaltspunkte für die Stadt- und Quartierentwicklung.
Projektinformationen:
The Making of Solidarity – Social and Digital Participation in Neighbourhood
Projektleitung: Prof. Dr. Markus Gmür & Prof. Dr. Muriel Surdez
Mitarbeitende: Dr. Diana Betzler & Dr. Lucien Delley